Self-Realization Fellowship Blog

»›Wie man Moskitos überlistet‹ – Die yogische Kraft inneren Friedens« von Paramahansa Yogananda

März 03, 2026

 

Es folgt ein Auszug aus dem Kapitel »Jahre in der Einsiedelei meines Meisters« aus Paramahansa Yoganandas berühmter Lebensgeschichte Autobiographie eines Yogi. Darin berichtet er von vielen zutiefst inspirierenden Erfahrungen mit seinem hoch angesehenen Guru Swami Sri Yukteswar. Nachstehend teilen wir einen kurzen Einblick in Swami Sri Yukteswars erhabene geistige Größe und seine zeitlose Weisheit. In diesem Abschnitt bezeichnet Paramahansaji Sri Yukteswar häufig einfach als »Meister«, eine ehrerbietige Art der Anrede des eigenen Gurus, einer Seele, die vollständige Selbstmeisterung erreicht hat.  

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 Fußnoten:

  1. Die Fähigkeiten eines allgegenwärtigen Yogis, der ohne Gebrauch seiner Sinnesorgane sehen, schmecken, riechen, fühlen und hören kann, werden im Taittiriya-Aranyaka wie folgt beschrieben: »Der Blinde durchbohrte die Perle; der Fingerlose zog einen Faden hindurch; der Halslose trug sie; und der Stumme lobte sie.«
  2. »In der Gegenwart eines Menschen, der Meisterschaft in Ahimsa (Gewaltlosigkeit) erlangt hat, kann keine Feindschaft [in irgendeinem Lebewesen] entstehen.« Yoga Sutras II:35
  3. Die Kobra greift sofort jeden in ihrer Reichweite befindlichen Gegenstand an, der sich bewegt. Daher ist vollkommene Regungslosigkeit meist das einzige Rettungsmittel.

Während meiner ersten Monate im Ashram erteilte mir Sri Yukteswar eine heilsame Lehre, die für mich den Höhepunkt meiner bisherigen Schulung bedeutete: »Wie man die Moskitos überlistet.« Zu Hause pflegten wir nachts immer Moskitonetze aufzuspannen. Wie ich jedoch beunruhigt feststellte, wurde diese Vorsichtsmaßnahme in der Einsiedelei nie getroffen. Dabei waren die Insekten in Massen vertreten, sodass ich von Kopf bis Fuß zerstochen wurde. Mein Guru hatte Mitleid mit mir:

»Kauf dir ein Netz und bring mir auch eins mit«, sagte er und fügte lachend hinzu: »Wenn du nur eins für dich kaufst, stürzen sich die Moskitos alle auf mich!«

Dankbaren Herzens kam ich dieser Aufforderung nach. Von da an gab mir der Guru jedes Mal, wenn ich über Nacht in Serampur blieb, den Auftrag, die Netze aufzuspannen.

Eines Abends jedoch, als wir von einem Schwarm Moskitos umgeben waren, versäumte der Meister, seine gewohnte Anweisung zu geben. Besorgt lauschte ich dem unheilverkündenden Summen der Insekten. Als ich mich schließlich ins Bett legte, sandte ich ein Stoßgebet in die ungefähre Richtung der Moskitos. Eine halbe Stunde später hustete ich absichtlich, um die Aufmerksamkeit meines Gurus zu erwecken. Die Moskitostiche und vor allem das unaufhörliche Summen, mit dem die Insekten ihren blutdürstigen Ritus vollzogen, machten mich fast wahnsinnig.

Doch der Meister reagierte nicht darauf, sondern blieb unbeweglich liegen. Vorsichtig näherte ich mich ihm und stellte fest, dass er überhaupt nicht atmete. Es war das erste Mal, dass ich ihn aus nächster Nähe im Yoga-Trancezustand erblickte, und mir wurde unheimlich.

»Sein Herz schlägt nicht mehr«, dachte ich und hielt ihm einen Spiegel unter die Nase. Kein Atemhauch war darauf zu erkennen. Um mich doppelt zu vergewissern, hielt ich ihm minutenlang mit den Fingern Mund und Nase zu. Sein Körper war kalt und regungslos. Bestürzt lief ich zur Tür, um Hilfe herbeizuholen.

»So! Du bist ja ein vielversprechender Experimentator! Meine arme Nase!« rief der Meister da, der sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. »Warum gehst du nicht zu Bett? Soll sich etwa die ganze Welt deinetwegen ändern? Ändere dich selbst und befreie dich von dem Moskito-Komplex!«

Mit hängendem Kopf kehrte ich in mein Bett zurück; und kein Insekt wagte sich mehr in meine Nähe. Da verstand ich, dass der Guru die Netze nur meinetwegen hatte besorgen lassen; er selbst kannte keine Furcht vor Moskitos. Er konnte sich innerlich immun machen oder durch Anwendung bestimmter Yoga-Methoden verhindern, dass sie ihn stachen.

»Er hat mir ein Beispiel geben wollen«, dachte ich. »Das ist der Yoga-Zustand, den ich erreichen muss.« Ein echter Yogi kann jederzeit ins Überbewusstsein eingehen und trotz der vielen Ablenkungen, die es immer auf dieser Erde geben wird – z. B. dem Summen der Insekten oder dem grellen Tageslicht –, in diesem Zustand verharren. Im ersten Stadium des Samadhi (Sabikalpa) reagiert der Gottsucher auf keine äußeren Sinnesreize mehr, wird aber durch Laute und Bilder aus der inneren Welt entschädigt, die selbst das ursprüngliche Eden an Herrlichkeit übertreffen.1

Die lehrreichen Moskitos waren auch der Anlass einer weiteren Lektion, die ich schon früh im Ashram erhielt. Es war um die Zeit der Abenddämmerung, als mein Guru in seiner unnachahmlichen Weise die heiligen Schriften auslegte. Ich saß friedlich zu seinen Füßen, als ein unverschämter Moskito in das Idyll einbrach und meine Aufmerksamkeit beanspruchte. Als er seine giftige »Injektionsnadel« in meinen Schenkel bohrte, erhob ich automatisch die Hand zur Rache. Doch dann schob ich die Hinrichtung auf, weil mir gerade in diesem Augenblick ein Aphorismus des Patanjali über Ahimsa  (Nichtverletzen)2 einfiel.

 »Warum führst du dein Werk nicht zu Ende?«

»Meister! Billigt Ihr etwa, dass man einem Tier das Leben nimmt?«

»Nein. Aber in Gedanken hast du ihm den Todeshieb bereits versetzt.«

»Das verstehe ich nicht!«

»Mit Ahimsa meint Patanjali, dass man den Wunsch zu töten überwinden muss.« Sri Yukteswar las in meiner Seele wie in einem aufgeschlagenen Buch. »Diese Welt ist nicht so eingerichtet, dass man Ahimsa wortwörtlich befolgen kann. Die Menschen sehen sich oft gezwungen, schädliche Tiere auszurotten. Doch sie stehen unter keinem ähnlichen Zwang, Zorn oder Hass zu empfinden. Alle Lebewesen haben dasselbe Recht, die Luft der Maya zu atmen. Der Heilige, der die Geheimnisse der Schöpfung entschleiert hat, lebt auch in Harmonie mit den zahllosen rätselhaften Ausdrucksformen der Natur. Jeder Mensch wird diese Wahrheit erkennen, sobald er seine Zerstörungslust überwunden hat.«

»Guruji, soll man lieber sich selbst opfern, als ein wildes Tier zu töten?«

»Nein, der menschliche Körper ist wertvoller, weil er aufgrund seiner einzigartigen Gehirn- und Rückenmarkzentren die höchste Entwicklungsmöglichkeit bietet. Diese Zentren ermöglichen es dem fortgeschrittenen Yogi, das Göttliche in Seinen erhabensten Ausdrucksformen zu erfassen und zu offenbaren. Keiner niedrigeren Lebensform ist dies möglich. Es stimmt zwar, dass der Mensch eine gewisse Schuld auf sich lädt, wenn er gezwungen ist, ein Tier oder ein anderes Lebewesen zu töten. Doch die heiligen Shastras lehren andererseits, dass man sich schwer gegen das karmische Gesetz vergeht, wenn man sein Leben leichtfertig aufs Spiel setzt.«

Ich atmete erleichtert auf; denn es geschieht nicht allzu oft, dass man durch die heiligen Schriften in seinen natürlichen Instinkten bestärkt wird.

Meines Wissens begegnete der Meister niemals einem Leoparden oder Tiger aus nächster Nähe. Doch einmal befand er sich einer giftigen Kobra gegenüber, die er nur durch die Kraft seiner Liebe besiegte. Der Vorfall trug sich in Puri zu, wo mein Guru eine Einsiedelei am Meer hatte. Prafulla, ein kleiner Jünger, den Sri Yukteswar noch während seiner letzten Lebensjahre annahm, war Zeuge dieser Begebenheit und erzählte sie mir später mit folgenden Worten:

»Wir saßen draußen im Freien, nicht weit vom Ashram entfernt, als eine vier Fuß lange Kobra – ein erschreckender Anblick – ganz in unserer Nähe auftauchte. Mit zornig gespreiztem Hut stürzte sie auf uns zu. Der Meister empfing sie mit einem fröhlichen Ausruf, als ob es sich um ein kleines Kind handle. Ich erstarrte fast, als ich sah, wie Sri Yukteswarji rhythmisch mit den Händen zu klatschen begann3, um die unheimliche Besucherin zu unterhalten. Regungslos blieb ich sitzen und sandte inbrünstige Stoßgebete zum Himmel. Die Schlange, die sich jetzt dicht vor dem Meister befand, rührte sich nicht mehr und schien von seinem zärtlichen Gebaren wie magnetisiert. Der erschreckende Hut sank allmählich zusammen; dann glitt die Schlange zwischen Sri Yukteswarjis Füßen hindurch und verschwand im Gebüsch.

Wie es kam, dass die Kobra den Meister nicht angriff, als er die Hände bewegte, war mir damals unbegreiflich«, sagte Prafulla abschließend. »Doch später wurde mir klar, dass unser göttlicher Guru völlig frei von der Furcht war, irgendein Lebewesen könne ihn verletzen.«

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Wir laden Sie ein, mehr über Paramahansa Yoganandas Autobiographie eines Yogi, einen der berühmtesten spirituellen Klassiker der Welt, zu erfahren. Dieses Buch hat weltweit Millionen Menschen geistig bereichert und ihre Herzen berührt. 

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